Ein Integrationsprojekt: Brücke ins Handwerk

Was ich beim Fotografieren besonders mag? Das Fotografieren von Menschen in ihrem Beruf zählt ganz sicher zu einer meiner Lieblingsdisziplinen. Ich liebe es, Fachleute bei ihrer Arbeit mit dem Fotoapparat zu „belauschen“. Die besten Fotos entstehen dabei immer, immer, immer aus der Kommunikation heraus. Es ist ja so bei der Handwerksfotografie: In der Regel hast du ü-ber-haupt keine Ahnung von dem, was die Fachfrauen und -männer mit ihren Händen und Werkzeugen dort anstellen. Du musst es dir also erklären lassen, wenn du gute und vor allem schlüssige (!) Fotos machen willst. Ansonsten besteht das Risiko, ein vielleicht technisch einwandfreies Foto zu machen, während jeder, der Ahnung vom jeweiligen Handwerk hat, den Kopf schüttelt. „So man hält man doch keinen Pinsel…!“

Malerei Wiese Integrationsprojekt Brücke ins Handwerk

Maler Integrationsprojekt der Handwerkskammer Hamburg

Integrationsprojekt der Handwerkskammer Hamburg

Super sympathisch: Hashim Alwzwazy arbeitet in der Franz G. Wiese GmbH als Maler.

Fotografie mit Sinn

Dass du dich unterhalten musst, wenn du authentische Fotos erschaffen willst, haben wir eben gesagt. In diesem Blogbeitrag soll es aber auch um etwas anderes gehen: um Sinn! Denn das ist Punkt Nummer zwei in meinem „Das-macht-mir-am-Fotografieren-Spaß“-Ranking. Wenn meine Bilder einem höheren Zweck dienen, als nur der reinen Verkaufsförderung von Produkten oder Dienstleistungen, finde ich das gut. Also rrrichtig gut! Und hier kommt „Brücke ins Handwerk“ ins Spiel. Ich versuche mal, ein komplexes Projekt in zwei Absätzen zu erklären:

Ein Förderprogramm Bundesregierung

Grundsätzlich geht es um ein arbeitsmarktpolitisches Instrument des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Oha, klingt ganz schön groß – ist es auch! Das bundesweite Förderprogramm heißt „Integration durch Qualifizierung (IQ)“.

Einfach ausgedrückt: Hier sollen Erwachsene mit Migrations- und Fluchtgeschichte in den heimischen Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Dazu braucht es Unterstützung, Beratung und vor allem auch die Prüfung, Anerkennung und manchmal auch Erweiterung von im Ausland erworbenen Fähigkeiten.

Handwerkskammer Hamburg - Integrationsprojekt Brücke ins Handwerk

Bei den Fotoaufträgen für „Brücke ins Handwerk“ legte ich die klassische Portraitaufnahme immer ans Ende des jeweiligen Shootings, damit für den direkten Blick in die Kamera bereits ein wenig Vertrautheit entstanden ist. Bei Rubén Delgado Gomez war das allerdings gar nicht nötig – der Elektriker ruhte in sich selbst.

Fotoprojekt

Handwerker Elektriker

Fliesenleger Fotoprojekt Integration

Den Fliesenleger Mustaja Haji Jumaan besuchte ich bei der Sanierung eines Mietkomplexes in Hamburg-Niendorf. 

Fliesenleger bei der Arbeit

Stadach Fliesenleger

IQ-Projekt Brücke ins Handwerk

Die Handwerkskammer Hamburg hat hierzu das IQ Projekt „Brücke ins Handwerk“ ins Leben gerufen und wird damit zu einem wichtigen Bindeglied zwischen Handwerksbetrieben und Innungen und den ausländischen Fachkräften. Neben der Vermittlung von qualifizierten und engagierten Fachkräften braucht es Beratung zu rechtlichen Rahmenbedingungen, Fördermöglichkeiten, kulturellen Herausforderungen am Arbeitsplatz und, und, und. 

Hier schließt sich der Kreis zu meiner Fotografie: Bei rund 400 potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern in der Hansestadt Hamburg gibt es etliche Erfolgsgeschichten zu erzählen! Zu meiner Aufgabe wurde es, diese erfolgreich vermittelten Fachkräfte in ihren Betrieben zu portraitieren. Toll, oder? Der Sinngehalt dieser Aufträge ist aus meiner Sicht ziemlich hoch!  

Leichtere Kost: Nach einer Ausschreibung der Handwerkskammer Hamburg (und einer ausführlichen Bewerbung meinerseits) erhielt ich den Zuschlag für die fotografische Begleitung der Erfolgsgeschichten und unterschrieb für das IQ Projekt „Brücke ins Handwerk“ einen Werksvertrag. Soweit die Formalitäten – jetzt wird fotografiert! 

Lager

Leseberg Hamburg

Ghulamsakhi Alizada arbeitet als Fachkraft für Lagerlogistik bei der Leseberg Automobile Gmbh.

IQ Hamburg Handwerkskammer

Glaserei Ziegert

Glaserei Ziegert - Intergrationsprojekt Brücke ins Handwerk

Das erste von vielen weiteren Shootings für die Handwerkskammer Hamburg fand in der Glaserei Ziegert statt. Hier fotografierte ich Biran Ngum und Ebrima Fadika.

Glaserei

Aufgeregt? Ich auch!

Jede(r) Teilnehmer/Teilnehmerin dieses Projekts wurde an einem anderen Tag fotografiert, insgesamt zog sich das Fotoprojekt über rund zwei Jahre. Jedes Shooting beinhaltete nicht nur die rund 1,5-stündige Fotografie, sondern auch zwei Interviews, die eine der fantastisch einfühlsamen Mitarbeiterinnen der Handwerkskammer Hamburg sowohl mit der ausländischen Fachkraft als auch mit einem Repräsentanten des Handwerksbetriebes führte. 

Und nun stell dir diesen Tag aus Sicht einer der Fachkräfte vor: Deine sprachlichen Fähigkeiten sind meist noch nicht sehr tragfähig und jetzt sollst du mit dem Geschäftsführer deines Betriebes, einer Vertreterin der Handelskammer und einem fremden Fotografen Interviews führen, deine Arbeit erklären und: dabei auch noch einen guten Eindruck machen. Ganz ehrlich: Bei mir würde das für Herzklopfen sorgen, wenn ich das in Syrien, Irak oder Sierra Leone machen müsste…

Perspektive Handwerk fotografieren

Elektriker

Mohajed Asto ist gelernter Elektroingenieur aus Syrien.

Elektriker Details fotografieren

Maler Brücke ins Handwerk

Maler beim Farbe anrühren

Perspektive

Die fotografischen Anforderungen und das Briefing für das Projekt Brücke ins Handwerk verlangten nach einer eher sachlichen Fotografie. Hier und da bot sich aber – wie hier – eine pfiffige Perspektive an. Sowas mag ich.

Fotografieren ist (auch) Psychologie

Zu Beginn eines Shootings – und das mache ich fast immer so – habe ich die Kamera zunächst in der Fototasche gelassen. Erstmal quatschen, das lockert ein bisschen auf. Mich ebenfalls. Dann habe ich meist versucht mit dem jeweiligen Model alleine zu sein, bevor die Kamera erstmalig zum Einsatz kommt. Das geht übrigens fast allen Menschen so, vom Auszubildenden bis zur Geschäftsführerin: Sobald du als Fotograf mit deinem schwarzen Kasten vor dem Gesicht näher kommst, sorgt das für Unbehagen. Besser es guckt nicht noch die halbe Belegschaft zu! Professionelle Models können das ausblenden, alle anderen nur in seltenen Fällen. 

Was bei der Fotografie von Menschen im Beruf oft für Sicherheit sorgt, ist, dass die zu fotografierende Person in ihrem Element, in ihrer fachlichen Tätigkeit steckt. Das hilft! Erst wenn nach und nach das Eis gebrochen ist, erstelle ich die „richtigen“ Portraits, bei denen mir die Models direkt in die Kamera lächeln sollen. Fast immer lege ich diese gestellten Aufnahmen ganz ans Ende vom Shooting – das hat sich bewährt.

Handwerker bei der Arbeit fotografieren

Radstation Bergedorf

Radstation Bergedorf (Foto: Florian Läufer, Hamburg)

Der hatte immer den Schalk im Nacken: Ben Tallents in der Radstation Bergedorf.

Zahntechnikerin fotografieren

Zahntechnikerin bei derArbeit fotografieren

Einige Shootings fanden in den akuten Coronaphasen statt, sodass an Bilder ohne Maske nicht zu denken war. Die Zahntechnikerin Ioana Cosa kann ich hier also nur mit Mundschutz zeigen.

Detail Zahntechnik

So ging es dann zwei Jahre lang, bis nun am 31.12.2022 die Förderung dieses Projektes zunächst ausläuft. Für mich ist die Begleitung von „Brücke ins Handwerk“ eine ausgesprochen tolle Erfahrung gewesen. Ich habe ganz unterschiedliche Menschen aus Ländern fotografieren dürfen, die ich sonst mit Krieg und Unrechtssystemen zusammenbringe. Beklemmend, irgendwie. Bei einem der Shootings kam es zu einem Dialog, den ich nie vergessen werde. Aus dem Gespräch heraus stellte ich die Frage:

„Hast du Kinder?“

„Ja, vier Stück.“ Kurze Pause. „Jetzt nur noch zwei.. Ist Krieg, weißt du!?“

Gänsehaut! Helfen hilft!

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