Freie Arbeit: Madeira Fotoreise im Dezember

Meine Madeira Fotoreise ist eher Schnapsidee als akribisch vorbereitetes Fotoprojekt. Ich habe – nach 18 Monaten Corona-Flaute – eine gut ausgelastete zweite Jahreshälfte mit vielen aufregenden Fotoaufträgen hinter mir. Im Kopf schreit es, der bescheiden wieder aufgebaute Kontostand erlaubt es: „Florian, die Landschaft ruft!“ Der erste Gedanke ist, mich einer begleiteten Fotoreise anzuschließen. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Mal ehrlich: Mit einer sechs- bis achtköpfigen Gruppe unbekannter Menschen für viel Geld Orte fotografieren, die mir ein Workshop-Programm zu festen Uhrzeiten vorschreibt? Hilfeee!

Dann lieber mit wenig Geld mein eigenes Ding machen. Alleine komme ich gut klar, kann im Kopf alles neu ordnen und gehe niemand auf die Nerven. Andersherum genauso. Paradiesisch! Bei der Planung gehe ich rückwärts vor. Erster Schritt: Ziel festlegen und Flug buchen – damit ist schonmal der „Point of no return“ erreicht. Drei Stunden später ist klar: Es wird die portugiesische Atlantikinsel Madeira, der Flug geht in knapp drei Wochen – damit kann man doch arbeiten! Jetzt wird geplant.

Abflug zur Fotoreise

Als ich dieses (Handy-)Foto aus der Wartehalle am Flughafen mache, habe ich ganz schwitzige Hände vor Aufregung. Meine erste Reise seit Beginn der Pandemie!

Gut & günstig

Es sind die Nebelwälder, die mich bei dieser einwöchigen Madeira Fotoreise ganz besonders reizen. Dazu die raue Küstenlinie und: ausgedehnte Wanderungen in den Bergen. Ich verbringe die Abende vor der Abreise auf Google Earth – Brainstorming mit mir selbst! Mir ist schnell klar, dass mir der Süden der kleinen Insel zu touristisch und fotografisch wenig reizvoll erscheint. Bedeutet: Ich bleibe im Norden Madeiras und suche mir eine strategisch gut gelegene Ferienwohnung in Ponta Delgada. Von dort aus lassen sich alle mir wichtigen Orte in maximal einer Stunde mit dem Mietwagen erreichen.

Ach so, um nochmal den Bogen zu einer begleiteten Fotoreise zu schlagen: Die Kosten für Flug, Unterkunft und Mietwagen belaufen sich bei meiner Madeira Fotoreise auf gut 900 Euro. Später kommen noch 200 Euro Spritkosten hinzu. Hätte ich es drauf angelegt, wären sogar noch einige Euro Ersparnis drin gewesen. Meine Nachrecherche ergibt, dass eine begleitete Fototour gleicher Dauer mit 2.300 Euro zu Buche schlägt – ohne Flug! Dazu an späterer Stelle mehr…  

Karte Madeira Fotoreise

Der Süden der Insel erscheint mir fotografisch wenig reizvoll. Also buche ich im mittleren Norden eine Unterkunft und kann so meine favorisierten Spots alle gut erreichen. (Screenshot: Google Earth)

1. Die Felsnadeln von Ribeira de Janela

Den Abend der Ankunft gehe ich ruhig an. Mein erster Fotospot am nächsten Morgen ist die schroffe Felsformation in Ribeira de Janela. Hier fließt Madeiras längster Wasserlauf in den Atlantik. Beides zusammen erklärt den Namen der Ortschaft und des gleichnamigen Wasserlaufs, der übersetzt so viel wie „Fensterfluss“ heißt. Weil: In dem größten der Inselfelsen befindet sich ein fensterähnliches Loch! 

Madeira Fotoreise: Beliebter Spot ist Ribeira de Janela

Ribeira de Janela. Hast du schon das Fenster im Felsen entdeckt?

Lichtschein durch die Wolkendecke bei Ribeira de Janela auf Madeira

Im Hintergrund der oberen Aufnahme ist bereits zu erkennen, wie sich einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke schummeln. Hier die Detailansicht. Sieht toll aus, oder?

Felsnadel mit großer Welle in Ribeira de Janela.

Atlantikwellen haben Zähne!

Ungewöhnliche Perspektive mit Wasserfall in Ribeira de Janela.

Perspektive und Licht sind die wichtigsten Elemente in der Fotografie, mit denen man kreativ arbeiten kann. Einen echten Wasserfall gibt es in Ribeira de Janela nicht. Es ist der Ablauf eines Wasserkraftwerks, den ich hier in der Vordergrund der Aufnahme rücke.

Ribeira de Janela Langzeitbelichtung.

Wenn man bedenkt, wie breit die Felsformation von der Seite betrachtet ist, mag man kaum glauben, dass sie bei direkter Draufsicht schmal wie ein Bowlingkegel ist.

Die Felsformationen von Ribeira de Janela mit Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne.

Auf diesem Bild gut zu erkennen: das fensterähnliche Loch im Fels.

Wie auf Island

Mich fasziniert dieses urige Gebilde, an dem sich die schweren Atlantikbrecher die Zähne ausbeißen. Die Formation erinnert mich ein wenig an die Felsnadeln von Reykjanes (Island), die ich 2017 mit meinem Fotobuddy Holger fotografierte. Ebenfalls im Atlantik, aber gut 3.500 Kilometer weiter nördlich. Jetzt im Winter ist hier in Ribeira de Janela der Sonnenstand leider nicht optimal. Die Sonne bleibt ganztägig im Rücken der Insel, sodass jetzt ein dramatischer Sonnenauf- oder -untergang nicht zu fotografieren ist. Nun ja, die Sonne sehe ich bei dieser Madeira Fotoreise eh nicht allzu häufig. Kann man nix machen. 

Die Felsnadeln in Reykjanes, Island

Mich erinnern die Felsen von Ribeira de Janela an diese Felsnadeln, die ich 2017 in Reykjanes (Island) aufgenommen habe.

Foto: Andrea Lazzarini

Als ich am ersten Morgen die Felsen von Ribeira de Janela fotografiere, bin ich nicht alleine am Spot. Der Italiener Andrea Lazzarini fotografiert etwas oberhalb von mir und nimmt mich für diese Aufnahme mit ins Bild. Wir halten einen kurzen Plausch, später schickt er mir das Ergebnis aufs Handy. Tolle Geste! Dass wir uns bei dieser Madeira Fotoreise gleich mehrmals über den Weg laufen werden, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

2. Posto Florestal Fanal – der „Feenwald“

Von Ribeira de Janela sind es nur wenige Kilometer in den „Feenwald“ von Fanal. Dieser ikonische Ort ist sicherlich mein No.1-Spot bei meiner Madeira Fotoreise. Schon lange bestaune ich die mystischen Fotos der uralten verwachsenen, knorrigen Lorbeerbäume, die sich im Nebel zu gespenstisch anmutenden Kreaturen verwandeln. Ich drücke mir selbst die Daumen für dichten Nebel und habe bei meiner Ankunft in gut 1.100 Meter Höhe: richtig trübe Suppe! Jaaaa!!! Mich macht das ganz kribbelig. Nach Jahren bin ich endlich an diesem Ort und finde gleich meine absoluten Wunschbedingungen vor.

Ich muss gestehen, dass ich die erste Stunde etwas fahrig fotografiere. So viele Eindrücke, so viele Formen, so groß meine Begeisterung. Erst mit der Zeit nehme ich mir Zeit für die Aufnahmen – jetzt werden sie besser. Und ich kehre im Verlauf der Woche drei weitere Male zu diesem verwunschenen Lorbeerwald zurück. 

Der Nebelwald in Fanal ist ein absolutes MUSS bei einer Madeira Fotoreise.

Insgesamt besuche ich den Nebelwald in Fanal viermal. An drei Tagen liegen die Bäume im Nebel. Als die Luft hingegen klar ist, bin ich beim vierten Besuch am Parkplatz gleich wieder umgekehrt. Hier MUSS einfach Nebel sein!

Lorbeerbaum in Fanal auf Madeira

Knorrige Lorbeerbäume im Feenwald auf Madeira

Es scheint, als hätten die knorrigen Bäume Arme, Beine, Körper – und manchmal auch Augen!

Klassiker bei dieser Madeira Fotoreise: die mystischen Lorbeerbäume von Fanal

Haben sie auch eine Seele? Vermutlich stellen wir uns hier beide die gleiche Frage…

Nebelwälder in Fanal bei Sonnenaufgang.

Das könnte ich mir gut in Übergröße an der Wohnzimmerwand vorstellen. It’s a kind of magic!

Posto Florestal Fanal mit Kühen.

Unwirklich!

Lorbeerwälder Madeira wandern

3. Das Fischerdorf Seixal wird zu meinem Waterloo bei dieser Madeira Fotoreise

Das kleine Fischerdorf Seixal liegt nur wenige Kilometer von meiner Unterkunft entfernt und bietet mir aus fotografischer Sicht reichlich Möglichkeiten, brechende Wellen in zerklüftetem Lavagestein zu fotografieren. Die See ist tückisch – und wird mir zum Verhängnis. Es sind nicht die kleinen, kabbeligen Wellen, die sich hier am Ufer entladen und dir Probleme machen. Ganz anders: Die Dünung des Atlantiks, also das langsame Heben und Senken des Wasserspiegels, beträgt trotz ruhig wirkenden Seegangs schnell mal drei bis vier Meter Höhenunterschied. Erst wenn diese Dünung aufs flache Uferwasser trifft, wird sie zu einer „echten“ Welle. Tückisch! 

Wellen in Seixal.

Die See wirkt glatt, hat es aber in sich, sobald die Dünung ans Ufer drückt! 

Seixal mit wild tobenden Wellen

Hier geht es schon ruppiger zu. Ohne Freischwimmer solltest du hier nicht reinfallen.

Samt Ausrüstung von der Welle überspült

In meinem Jahresrückblick 2021 hatte ich es schon erwähnt, hier nochmal in Kürze: Um die brechenden Wellen in ihrer Dynamik abzubilden, kraxele ich durch das schroffe Lavagestein bis an die Uferkante. Ich halte Sicherheitsabstand zum tosenden Wasser. Knapp 15 Minuten geht alles gut, ich mache sogar ein kurzes Handyvideo von diesem faszinierenden Wellenspektakel. „Ah, cool! Da rollt ein richtig dicker Brecher rein – wird ein super Foto!“ denke ich noch. Ich behalte Recht – aber sowas von! Die Welle baut sich auf…, wird größer…, größer…, gröööößer! Als mir das Weißwasser wie eine Wand entgegen kommt, ist mir klar, dass ich die Situation falsch eingeschätzt habe. Zu spät!

„WUUUUSCH!!!“ Ich werde mitsamt meiner Ausrüstung überspült. Und das ist nicht alles. Ersatzkamera und -objektive liegen (genauer: lagen!) hinter mir im geöffneten Rucksack, der treibt jetzt mit Schlagseite im fast brusttiefen Wasser. „Ach du Sch***e!“ Ich springe rein, kriege alles gegriffen und rette mich triefend nass ans Ufer. Game Over! 

Letztes Foto vor dem Unfall in Seixal

Das letzte Foto aus meiner Sony A7R IV, bevor ich realisiere, dass von rechts eine Wand aus Wasser angeschossen kommt. Zu spät! (Im Hintergrund zu sehen: die Felsen von Ribeira de Janela.)

Whatsapp Nachricht nach Fotounfall.

30 Minuten nach dem Unfall schicke ich eine WhatsApp-Nachricht an meinen Reise- und Fotopartner Holger Kröger, der diesmal nicht dabei sein konnte. Zu diesem Zeitpunkt bin ich innerlich komplett leer. Ach, viel schlimmer: vakuumiert!

Teile der Ausrüstung befanden sich kurzzeitig unter Wasser und sind damit automatisch als Totalschaden zu werten, andere Gegenstände kriegen „nur“ die fette Welle ab. Salzwasser ist wie ätzende Säure für das Fotoequipment. Ich bin jetzt nicht nur klitschnass, sondern auch völlig überfordert. Ich lasse das Wasser aus den Objektiven herauslaufen, rechne kurz durch, wie hoch der Maximalschaden sein könnte. Das hätte ich nicht tun dürfen. Äußerlich ruhig, innerlich zerstört raffe ich alles zusammen und fahre in die Unterkunft – erstmal sammeln. Resignation fühlt sich wie eine stumme innere Leere an. Schlimm. Übrigens: Wie alles ausgeht, erfährst du am Ende dieses Blogbeitrags. 

4. Der höchste Berg Madeiras: der Pico Ruivo

Mein zweitwichtigster Spot der Madeira Fotoreise ist ein toter Baum etwa 100 Höhenmeter unter dem höchsten Gipfel Madeiras – dem Pico Ruivo, der 1.862 Meter weit in den Himmel ragt. Ich hatte in einem YT-Video des britischen Landschaftsfotografen Nigel Danson diesen Spot gesehen und war total geflasht davon. Den gleichen Baum finde ich im Instagramprofil des Fotografen Maxim Moskalenko wieder und schreibe ihn via PN an. Maxim gibt mir reichlich Tipps für Madeira mit auf die Reise. Und: eine Wegbeschreibung zu dem Spot mit dem toten Baum! Tschakkaaa! (Danke nochmal, Maxim!)

Der Fotograf Maxim Moskalenko

Der Fotograf Maxim Moskalenko lebt in der Schweiz, war einige Monate zuvor mit dem Fotoapparat auf Madeira und gibt mir hilfreiche Tipps für meine Madeira Fotoreise mit auf den Weg. Tiptop!

Alles Taktik!

Bei meiner Madeira Fotoreise gehe ich taktisch vor. Morgens und Abends möchte ich jeweils zum besten Licht an einem meiner ausbaldowerten Spots stehen, während ich tagsüber die Zeit zum Scouten nutze. Diese Vorgehensweise hilft mir sehr, die Orte nach den Erkundungstouren besser einzuschätzen und mit diesem Wissen zu entscheiden, zu welcher Zeit und bei welchen Bedingungen ich wohin zum Fotografieren zurückkehre. Womit wir wieder beim toten Baum von Nigel Danson sind. Meinen ersten Hike zum Gipfel des Pico Ruivo trete ich nachmittags an und hoffe auf einen tollen Sonnenuntergang. 

Der Weg auf den Gipfel von Madeiras höchstem Berg, dem Pico Ruivo.

Der Trail zum Gipfel ist ein Traum!

Der Gipfel vom Pico Ruivo, Madeira.

Über den Wolken! Der Weg zum Gipfel ist auch für Einsteiger wie mich geeignet. Ausgesetzte Stellen gibt es nicht.

Dead Trees of Pico Ruivo.

Tausende tote Bäume befinden sich an den Hängen des Picu Ruivo. 2016 hatte es hier einen verheerenden Waldbrand gegeben, der diese knochig-weißen Baumskelette hinterlassen hat – gespenstisch! Einer davon steht auf einem kleinen Plateau direkt am Abgrund und wird bei dieser Madeira Fotoreise zu einem meiner Top 3-Spots. Hier treffe ich ein zweites Mal auf den Italiener Andrea Lazzarini – was für ein Zufall. 

Schutzhütte auf dem Weg zum Gipfel des Pico Ruivo auf Madeira.

Viel zu früh verschwindet bereits am späten Nachmittag die untergehende Sonne hinter den Bergkuppen. (Hier beim Abstieg.) Der Pico Ruivo ist definitiv ein Spot für den Sonnenaufgang.

Ich komme wieder!

Als Norddeutscher bin ich nicht mit Bergen vertraut. Erstaunlicherweise muss ich relativ häufig BERGAB wandern, obwohl ich doch BERGAUF zum Gipfel möchte. Ich hatte nicht bedacht, dass man immer wieder durch Senken laufen muss, wenn man einen Berg hinauf möchte. Ich finde das anstrengend und gemein! Aber so sind wohl die Berge. 

Die Sache mit dem Gipfel und der Aussicht stimmt! Bergsteiger sagen immer, dass die Belohnung für einen Aufstieg zum Gipfel in seiner Aussicht steckt. Ist was dran! Als ich schwitzend auf der Bergspitze des Pico Ruivos stehe, denke ich: Für diese Aussicht hat sich jeder Tropfen Schweiß ausgezahlt. Toll, von hier oben auf den Rücken der Wolkendecke zu blicken! 

Jetzt runter zum Baum. Es stellt sich heraus, dass das Nachmittagslicht aus fotografischer Sicht nicht dolle ist. Noch bevor die Sonne die Szenerie in goldenes Licht tauchen kann, verschwindet sie hinter der Gipfelkuppe. So wird das nichts mit meinem Wunschfoto, auf dem ich mir den toten Baum im warmen Sonnenlicht samt mystischer Nebelschwaden im Hintergrund vorstelle. Es nützt nichts: Ich muss morgens zum Sonnenaufgang hier oben sein. In den letzten drei Tagen werde ich also jeden Morgen im stockdunklen mit der Kopflampe auf der Stirn zum Baum wandern, um ihn letztlich in tollem (aber nicht bestem) Licht zu erwischen. Verrückt.

5. Die Steilklippen von Ponta de Sao Lourenco

Als ich vom Pico Ruivo zum Auto zurückwandere, öffnet sich für einen kurzen Moment die Wolkendecke und ich kann einen Blick auf die Ostküste Madeiras werfen. Beeindruckend – schon aus dieser Entfernung! Das langgestreckte Naturschutzgebiet mit seinen bizarren Felsen bietet einmalige Panorama-Meerblicke aus teils luftigen Höhen. Dort verbringe ich die kommenden zwei Tage. Es gibt nur einen Trampelpfad, der sich über die Felsen des Kaps schlängelt – Autos verboten. Auch hier führt der Weg zum Ziel auf und ab. Apropos: Das Ziel am ersten Scouting-Tag ist das knapp 4 Kilometer entfernte „Casa do Sardinha“, ein kleines Restaurant am Ende der Halbinsel. Zum Fotografieren sind aus meiner Sicht der Aussichtspunkt Ponta do Rosto und die höchste Erhebung des Kaps (in der Nähe des Parkplatzes Sao Lourenco) am schönsten. 

Blick auf Sao Lourenco

Als sich beim Abstieg vom Pico Ruivo für einen Moment die Wolkendecke öffnet, kann ich aus der Höhe einen ersten Blick auf die gut 20 Kilometer entfernte Ostspitze Madeiras werfen. Die steinig-karge Halbinsel unterscheidet sich deutlich von der üblichen Erscheinung Madeiras.

Ich beginne am nächsten Morgen etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang in Ponta do Rosto am Aussichtspunkt zu fotografieren. Der lässt sich sogar bequem mit dem Auto erreichen. Ich bin nicht der Erste. Eine begleiteter Foto-Workshop ist bereits dort. Sieben Fotografen stehen Schulter an Schulter, Stativ an Stativ am Geländer des Aussichtspunktes. Irgendwie witzig. So sähe also meine Realität aus, wenn ich mich für eine organisierte Fotoreise entschieden hätte. Ich bin froh, alleine zu sein.

Du bist machtlos, wenn das Licht nicht stimmt

Es kommt schlimmer. Der Himmel ist bedeckt (doof!), in die Riege der Rudelknipser möchte ich mich nicht einreihen. Weg hier! Ich gehe links auf die nächste Bergspitze und stehe jetzt 100 Meter entfernt und 20 Meter über der Workshop-Gruppe. Die Fotos werden so „naja“. Bewölkung halt, kannst nix machen. Rechts neben der langgezogenen Halbinsel würde die Sonne hochkommen, wenn sie sich nicht hinter dem Wolkenvorhang versteckt hielte. Ärgerlich. Du kannst die beste Ausrüstung haben, wenn das Licht nicht stimmt, bist du machtlos. Zehn Minuten später wird es spannend! In die Wolkendecke kommt leichte Farbe – ganz subtil. Eher Magenta als Orange. Das bedeutet, dass die Sonne irgendwo eine Lücke findet und von unten in die Bewölkung färbt. Zu sehen ist sie nicht. Trotzdem ein gutes Zeichen. Könnte doch noch was werden mit einem schönen Foto heute. Mal abwarten…

Bewölkung am Aussichtspunkt Ponta do Rosto

Die starke Bewölkung in Ponta do Rosto am frühen Morgen ist etwas enttäuschend. Ich mache einige Fotos, ja. Richtig doll werden die aber nicht. Das denkt sich auch der anwesende Foto-Workshop und verlässt den Ort – trotz vielversprechender Vorzeichen – wenige Minuten vor einer wahren „Lichtexplosion“. 

Der Himmel wird immer besser

Jetzt kommt Bewegung in die Fotogruppe. Klar, die müssten den Wink mit dem Zaunpfahl ebenfalls erkennen, auf jeden Fall aber deren Tourguide. Häh, was machen die? Die Gruppe schraubt tatsächlich die Stative zusammen und stapft zum Auto! Echt jetzt? Echt jetzt! Es dauert ein bisschen, dann sitzen alle im Minibus und brausen davon. „Mööp-mööp!“ Der Himmel wird immer besser. Magenta verwandelt sich in Orange, die Wolkendecke bricht nach und nach auf. Innerhalb von fünf Minuten explodiert der Himmel und die warme Sonne lacht schadenfroh von hinten in die Felsformationen. Es ist traumhaft! Mein Auslöser rattert! Und der Foto-Workshop sitzt im Auto auf dem Weg nach nirgendwo. Im Konjunktiv ausgedrückt: Wenn ich dort jetzt als zahlender Tourteilnehmer im Auto sitzen würde, hätte ich vermutlich schlechte Laune ob der verpassten Chance bekommen. 

Der Aussichtspunkt Ponta do Rosto ist ein beliebter Spot bei jeder Madeira Fotoreise

It’s all about light! Als die Wolkendecke aufbricht, herrscht für etwa 20 Minuten ein ganz hervorragendes Licht. Yiieehaaah! (Spoiler: Siehst du die Spitze des höchsten Berges, rechts oben im Bild? Das wird mein Fotospot für den kommenden Morgen!)

Ponta do Rosto fotografieren bei Sonnenaufgang.

Schau mal, wie von hinten die Sonne in die aufgewirbelte Gischt scheint. 

Höhenangst!

Für den nächsten Morgen nehme ich mir die hohe Bergspitze an der nördlichen Steilklippe vor. Die Kopflampe weist bei völliger Dunkelheit den Weg, ich verliere trotzdem den Pfad und kraxele querfeldein nach oben. Schwindelfrei bin ich nicht. Nicht mehr! Seit etwa dem 40. Lebensjahr habe ich Höhenangst entwickelt und die wird von Jahr zu Jahr schlimmer.

Hoch finde ich weniger schlimm als runter, außerdem ist es ja dunkel – das hilft. Dennoch weiß ich: Gleich neben mir geht es exakt 126 Meter senkrecht nach unten. Ich fühle mich nicht wohl. Na gut, ich möchte ehrlich bleiben: Ich habe Angst. Höhenangst. Aber: Gegen Angst hilft nur WOLLEN. Und ich will dieses dramatische Foto von dort oben un-be-dingt machen. Weiter!

„Florian, is it you?“

Wenige Meter vor der Spitze knipst plötzlich jemand seine Kopflampe an und leuchtet mir ins Gesicht. „Florian, is it you!?“ Zum dritten Mal treffe ich meinen italienischen Fotokollegen Andrea Lazzarini wieder. Klar, wenn zwei Fotografen mit gleichen Gedanken Wind und Wetter checken, trifft man sich eben an den besten Spots wieder. Heute war er schneller als ich und kauert bereits hinter seinem Stativ direkt an der Kante zum Abgrund. Ich bin froh, hier oben nicht alleine zu sein und: dass jemand zwischen mir und dem Abgrund sitzt! Wir verbringen eine gemeinsame Stunde (bei schlechtem Licht und starkem Wind) auf der Spitze und müssen dann rasch herunter – Gewitter im Anmarsch! Aaaargh!

Fotografen bei Sao Lourenco.

Auf dem höchsten Berg der Halbinsel treffe ich zum dritten Mal auf meinen italienischen Fotografenkollegen Andrea Lazzarini. (Handyfoto) Trotz Weitwinkel ist es nicht leicht, die vorgelagerten Inseln mit aufs Foto zu bekommen. Man muss das Stativ dafür am äußersten Rand der Klippe aufbauen. Einen Meter neben Andrea geht es ganz genau 126 Meter senkrecht in die Tiefe. Ich bin froh, rechts zu stehen. Links hätte ich mir in die Hosen gemacht! 

Blick auf die Halbinsel im Osten bei Sao Lourenco auf Madeira.

So sieht das Ergebnis dieses Morgens aus. Schade, dass die Sonne nicht herauskommt. Ach so, siehst du am Ende der Inselformation den dunklen Bereich in der hellen Senke? Dort liegt das Café „Casa do Sardinha“ zu dem ich am Vortag hingewandert bin.

Felsspitzen bei Sao Lourenco, Madeira.

Wanderschuhe für Madeira

Die Schuhe sind müde und ausgelaugt – ich bin es auch.

Halbinsel im Osten Madeiras bei Sonnenaufgang

Ein einziges Mal durchbrechen Sonnenstrahlen die Wolkendecke, dann ist auch schon ein Gewitter im Anmarsch. Schnell weg von hier!

Gewitter auf dem Atlantik mit kleinem Segelboot.

Ein einsames Segelboot. Immer rein in die Suppe!

Regenbogen bei Sao Lourenco.

Ohne Regen kein Regenbogen – so einfach ist das!

Der letzte Morgen: bestes Licht am Pico Ruivo

Inzwischen bin ich bereits dreimal zum toten Baum am Pico Ruivo gewandert, war aber nie ganz zufrieden mit dem Licht. Zu viel Nebel, zu wenig Nebel, gar kein Nebel, falscher Nebel. Irgendwas ist immer. Am Morgen des Abflugs will ich es nochmal wissen. Um 14 Uhr muss ich am Flughafen sein. Für einen Aufstieg vor Sonnenaufgang reicht die Zeit, spätestens um 9 Uhr muss ich absteigen. Aber das weiß jeder Landschaftsfotograf: Ab 9 ist in der Natur eh alles gelaufen! 

Gehört bei einer Madeira Fotoreise unbedingt dazu: Der Weg zum Gipfel des Pico Ruivo.

Am ersten Morgen fehlt der Nebel. Das Licht ist nicht schlecht, mir aber irgendwie zu „clean“. 

Der tote Baum

Einen Tag später herrscht morgens so viel Nebel, dass die gegenüberliegende Bergkette nicht mehr zu erkennen ist. Auch irgendwie blöd. Einen Versuch am Tag der Abreise habe ich noch…

Der gepackte Koffer liegt im Auto, als ich mich zum vierten Mal auf den Weg nach oben mache. Bald ist die Madeira Fotoreise vorbei. Die Nacht ist klar und kalt, der steinige Weg nach oben stellenweise mit Eis überfroren. Viel zu früh bin ich oben und beobachte die Sterne. Kein gutes Zeichen. Wer Nebel will, sollte keine Sterne erkennen können. Klaren Himmel finde ich für diesen Spot einfach nicht so passend. Ich wünsche mir ein geheimnisvolles Foto, keine Postkartenidylle.  

Madeira Fotoreise – alles wird gut!

Die Nacht weicht dem Tag und der Himmel wird klarer und klarer. Offizieller Sonnenaufgang ist um 8:02 Uhr. Es ist 7:55 Uhr als über den Berghang in meinem Rücken feinste Nebelschwaden in das vor mir liegende Tal ziehen. Und dann geht alles so schnell, wie es vermutlich nur in den Bergen vor sich gehen kann. (Ich bin ja Norddeutscher und weiß sowas nicht.) Innerhalb von Minuten wird der Nebel dichter und dichter. Er kommt nicht in vereinzelten Dunstwolken, sondern wird einfach immer dicker. Wie weiße Béchamelsauce, die man mit Mehlschwitze bindet. Um 8:15 Uhr ist der gegenüberliegende Bergkamm bereits in einer weißen Nebelwand verschwunden. Zwischen gar keinem und viel zu viel Nebel liegen also rund 20 Minuten. Genug Zeit, um „mein“ Bild zu machen, (fast) wie ich es mir gewünscht habe. Schnell zum Flughafen! 

Madeira Fotoreise - die toten Bäume am Pico Ruivo.

Auf den letzten Drücker schiebt sich pünktlich zum Sonnenaufgang geheimnisvoller Nebel ins Bild, der von links durch die Sonne beschienen und in gelb-oranges Licht getaucht wird. Das kommt meinem Zielfoto dieser Madeira Fotoreise ziemlich nahe und macht mich sehr glücklich. Fotografieren ist salopp ausgedrückt: geil!

Beim Waldbrand 2016 auf Madeira sind tausende Bäume verbrannt und stehen heute als Skelette in der Landschaft.

Das könnte ich mir den ganzen Tag anschauen!

Nebel in den Bergen Madeiras.

Nebel am Pico Ruivo bei einer Madeira Fotoreise.

Urlaub vorbei – zurück zum Flughafen!

Randnotiz: Infos zur Fotoversicherung und meinem Unfall

Da ich mit etlichen Fotografen verbunden bin, die hier auch immer wieder vorbeischauen, ein paar Sätze zu meinem Fotounfall. Vor vielen Jahren habe ich über die „Aktivas Assekuranz GmbH“ eine Fotoversicherung für mein Equipment abgeschlossen, die ich jährlich dem Umfang meiner sich ständig verändernden Ausrüstung anpasse. Ich habe mich für die teuerste Premium-Variante entschieden, die mich im Jahr rund 800 Euro kostet. Das ist ne Menge Holz! Der erste Impuls mag sein, dass man diese 800 Euro lieber sparen möchte. Das verstehe ich. Andererseits möchte man aber auch keine Ausrüstung im Wert von vielen Tausend Euro durch Dummheit, Dieb oder Desaster verlieren. In meinem Fall ist das Equipment ja auch die Grundlage meiner beruflichen Existenz. Es wäre fahrlässig, KEINE Versicherung abzuschließen!

Mit meinem Unfall habe ich nun innerhalb von mehr als zehn Jahren meinen vierten und bisher größten Versicherungsfall. Der anfangs befürchtete Totalverlust der mitgeführten Ausrüstung stellt sich nach mehreren Gutachten immerhin noch als ein Schaden in Höhe von rund 5.500 Euro dar. Autsch! 

Der Sony Imaging Pro Support

Meine Schadenmeldung und -abwicklung leite ich bereits am Unfalltag aus der Ferienwohnung dieser Madeira Fotoreise in die Wege. Als Berufsfotograf und guter (nein: sehr guter!) Sony-Kunde bin ich Mitglied des „Sony Imaging Pro Supports“. Letztlich ist das eine besondere – und sehr angenehme – Form der Kundenbetreuung. Ich schildere dem Support-Team also per E-Mail meinen Unfall und den zu befürchtenden Schadenumfang. Zwei Stunden später erhalte ich einen Rückruf, in dem mir die weitere Vorgehensweise erklärt wird: Für den Folgetag nach meiner Ankunft in Hamburg wird von Sony die Abholung der Gerätschaften organisiert, damit die beiden betroffenen Kameras und die Objektive bei der Vertragsfirma Geissler GmbH begutachtet und ggf. repariert werden können. Ergebnis: Die Gutachten und in Auftrag gegebenen Reparaturen sind innerhalb einer Woche erledigt. Klasse!

B.I.G. hilft!

Ein systemfremdes LAOWA-Objektiv (dafür kann Sony selbstverständlich nicht zuständig sein) wird ebenfalls innerhalb einer Woche vom Importeur B.I.G. in Weiden begutachtet und als Totalschaden dokumentiert. Hier ist es LAOWA Product Manager Guido Wystrichowski, der mich noch auf Madeira kontaktiert und alles in die Wege leitet. Richtig gut! Eine eher enttäuschende Reaktion habe ich in diesem Zusammenhang bei meinem Fachhändler „Foto-Koch“, bei dem ich in der Vergangenheit bereits für mehrere Tausend Euro Equipment (und besagtes LAOWA-Objektiv) kaufte und den ich zunächst vor B.I.G. wegen des Laowas kontaktiere.

Runtergebrochen: Mann könne da nicht viel machen. Dauert alles seine Zeit. „Ja, ich verstehe, dass Sie das Equipment für Ihren Beruf brauchen, Herr Läufer. Sechs bis sieben Wochen wird das alles aber dauern! Nein, schneller geht’s leider nicht. Tut mir sehr leid!“ Ich erkläre, dass aus dem Objektiv Salzwasser herausgelaufen ist und damit ein Totalschaden vollkommen unstrittig sein wird. Ich müsse das für die Schadenmeldung aber eben schriftlich bestätigt haben – ein Zweizeiler reicht! „Tut mir leid, Herr Läufer!“ (Das alles mit einer gehörigen Portion Gleichgültigkeit in der Stimme. Mir wird klar, dass ein Händler wahrscheinlich gar nicht helfen, sondern eigentlich nur verkaufen will. Dass man perspektivisch mehr verkaufen könnte, WEIL man hilft, ist vermutlich zu abstrakt gedacht.) Erst danach kontaktiere ich den oben erwähnten LAOWA-Importeur und erfahre eine unfassbar wertvolle und raketenschnelle Hilfe. Geht, man muss es nur wollen.  

Fotoversicherung? Jeden Euro Wert!

Ich habe eine Woche nach meiner Rückkehr also alle benötigten Gutachten für die Versicherung beisammen. Dazu suche ich die jeweiligen Einkaufsrechnungen aus meinen Unterlagen heraus und übermittele alles mit einer Schadenmeldung an die Aktivas. Die liebe Frau Palatzky der Aktivas meldet sich noch einmal per Telefon und macht mir Mut, dass die Sache in Kürze aus der Welt ist. Alles ist wie in einer Fernsehwerbung, nur in echt! Durch die Weihnachtstage und den Jahreswechsel kommt es zu minimaler Verzögerung, gleich zu Jahresbeginn erfolgt die Schadenregulierung. Und zwar ohne Wenn und Aber und alles zum versicherten Neupreis! Zwischen Unfall und Gutschrift liegt exakt ein Monat – inklusive Rückreise, Versandwege des Equipments, Gutachtenerstellung, sowie Weihnachtstage und Jahreswechsel. Solche Versicherung wünscht man sich! Die gibt es zwar nicht kostenlos, ist im Fall des Falles aber jeden Euro wert. Think about it!    

In eigener Sache:

Wenn du auch in Zukunft Blogartikel wie diesen von der Madeira Fotoreise von mir lesen möchtest, dann markiere meine Facebook-Seite mit Gefällt mir – so verpasst du keine Neuigkeiten. Auf meinem Instagram-Account zeige ich ebenfalls regelmäßig tolle Landschaftsfotos. Fragen, Anregungen, Kritik? Dann komme gerne über das Kontaktformular ins Gespräch mit mir. Ich freue mich auf deine Nachricht.

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